
Christina Frost
Claim Management im Mittelstand
Claims tauchen im mittelständischen Einkauf häufig als Preisanpassungen, Zuschläge oder Diskussionen zu Leistung, Terminen und Qualität auf. Gemeint sind Forderungen aus Abweichungen von Vertrag oder Bestellung, die schnell Marge und Planbarkeit beeinflussen können. Dieser Blogbeitrag erläutert, was Claims im Einkauf sind, wo sie typischerweise entstehen und warum ein strukturiertes Claim Management gerade im Mittelstand relevant ist.
Claim Management wird häufig mit „Streit“ oder „Juristerei“ verwechselt. Für mittelständische Unternehmen – besonders aus Sicht der Einkaufsabteilung – ist es vor allem eins: ein pragmatisches Instrument, um Preis-, Leistungs- und Terminabweichungen gegenüber Lieferanten vertraglich sauber zu behandeln. Das Ziel ist nicht, „Recht zu behalten“, sondern Marge, Versorgungssicherheit und Beziehungen zu schützen.
Was ist ein „Claim“ im Einkauf?
Ein Claim ist eine Forderung (oder Gegenforderung), die aus einer Abweichung von Vertrag, Bestellung oder vereinbarten Rahmenbedingungen entsteht. Im Einkauf ist das Alltag – oft nur ohne Namen.
Ein klassisches Beispiel ist die Preiserhöhungsforderung: Ein Lieferant kündigt „+6% ab nächstem Monat“ an, begründet das mit „Inflation“ und erwartet, dass der Einkauf zustimmt. Aus Claim-Sicht ist das eine Forderung, die geprüft werden muss: Gibt es eine vertragliche Grundlage (z. B. Indexierung)? Ist die Herleitung plausibel? Welche Teile des Preises sind überhaupt betroffen?
Claims tauchen im Einkauf typischerweise in fünf Feldern auf:
- Preis (Preiserhöhungen, Zuschläge, Währungs-/Energie-/Frachtkomponenten)
- Leistung (zusätzlicher Aufwand, „Engineering Change“, Verpackung/Etikettierung, Express)
- Termin (Verzug, Mehrkosten durch Terminänderungen)
- Qualität (Nacharbeit, Sortierung, Reklamationskosten, Stillstände)
- Mengen/Abnahme (Mindestmengen, Abrufe, Forecast-Abweichungen)
Claim Management heißt: Diese Fälle einheitlich behandeln: faktenbasiert prüfen, sauber dokumentieren und so verhandeln, dass am Ende eine belastbare Vereinbarung steht.
Warum ist Claim Management im Mittelstand so wichtig?
Im Mittelstand wirken Claims überproportional. Schon wenige Prozentpunkte Preisänderung auf wiederkehrende Volumina sind ein direkter EBIT-Hebel. Gleichzeitig sind die Kapazitäten in Einkauf und Technik oft knapp: Forderungen werden „zwischen Tür und Angel“ entschieden und dadurch inkonsistent. Genau das macht Unternehmen verwundbar: Wer einmal ohne Daten nachgibt, lädt zur nächsten pauschalen Forderung ein.
Hinzu kommt die Abhängigkeit von kritischen Lieferanten (Single-/Dual-Sourcing, Spezialteile, lange Vorlaufzeiten). Hier braucht der Einkauf eine Linie, die durchsetzungsfähig ist, ohne die Partnerschaft zu beschädigen.
Wo entstehen aus Einkaufssicht die meisten Claims?
Die teuersten Claims entstehen selten aus Bosheit, sondern aus Unschärfe:
Wenn die Preislogik nicht geregelt ist (keine Index-/Gleitklausel, keine definierten Kostentreiber), wird jede Marktschwankung zur Verhandlung. Wenn Änderungen „per Zuruf“ passieren, wird Zusatzaufwand nachträglich bepreist. Und wenn Nachweise fehlen, bleibt nur die Diskussion auf Basis von Gefühl, was in der Regel die schlechtere Verhandlungsposition ist.
Kurz: Unklare Regeln + schwache Nachweise = teure Claims.
Fazit
Claim Management im Einkauf ist im Mittelstand ein Schutzmechanismus gegen schleichende Kostensteigerungen und unklare Zusatzforderungen. Wer Transparenz einfordert, Preislogiken sauber regelt und Entscheidungen nachvollziehbar dokumentiert, verhandelt nicht aggressiver, sondern einfach professioneller.
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